Langlauftreff


Wie kommt der Hunger in die Welt?

Kein Thema in Europa sollte man meinen. Die Zeiten nach dem zweiten Weltkrieg sind weit, weit weg. Afrika, ja natürlich, vielleicht noch im asiatischen Raum, aber bei uns? Deshalb spenden wir doch an karitative Einrichtungen, vor allem in der Weihnachtszeit. Aber kennen wir auch als Naturfreunde verlässliche Zahlen oder begreifen wir die Zusammenhänge, die zur Notlage der Hungernden führen?

Schon genügend Gründe um den weltweiten Hunger zum Jahresthema 2017 der NaturFreunde in Wiesbaden zu machen. Zunächst einige Fakten: Von den 7,5 Milliarden Menschen weltweit geht jeder 9. hungrig schlafen. 98% der Hungernden leben in Entwicklungsländern, 160 Millionen Kinder sind unterernährt. Hunger und Unterernährung sind die Hauptursachen für Krankheiten und Seuchen. Aber vor allem zerstört Hunger jegliche Aussicht auf eine nachhaltig gute soziale Entwicklung in den betroffenen Staaten und Ländern.

Was geht das uns an, wenn die Entwicklungsländer nicht wirtschaften können? Das ist die übliche Stammtischfrage, die in den hoch entwickelten Staaten gestellt wird. Dazu einige Fakten aus dem Welternährungsbericht der UNO: Unter Zugrundelegung des Bodymassindexes sind in Europa bis zu 30%, in den USA über 30% der Bevölkerung übergewichtig. Das Groteske: wir schaffen eine Industrie, die den Überfluss und die Folgen von Übergewicht mit Hilfe von Arzneipräparaten, Fitnessgeräten, Diäten und anderen Hilfsmitteln bekämpft.

Zurück zur Frage, was geht das uns an? Die entwickelten Länder haben die sogenannte Dritte Welt zum Selbstbedienungsladen ihrer eigenen Versorgung entwickelt. Dafür gibt es genug Beispiele. Auf der weltweit größten Lebensmittelbörse in Chicago werden weltweit Lebensmittelpreise gehandelt und zum Teil wird auf Ernteerträge gewettet. Das führt oft genug zu Fehlplanungen in den Entwicklungsländern, die, wer möge es ihnen verdenken, an Gewinnen partizipieren wollen. Die Abhängigkeit der Drittstaaten verschärft sich auf diese Art und Weise bis hin zur Handlungsunfähigkeit. Dass diese Abläufe natürlich zu Egoismus und Korruption führen, ist fast schon zwanghaft und verschärft die Lage zusätzlich. Im Übrigen geschieht das oft genug mit Hilfe von Freihandelsverträgen. An dieser Stelle sei nochmal auf den Widerstand der Naturfreunde gegen CETA und TTIP hingewiesen. Mit solchen Abkommen wird vor allem die Spaltung zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden weiter vertieft.

So hat zum Beispiel die europäische Hühnerwirtschaft den mittelafrikanischen Markt mit subventionierten, billigen Hühnerteilen beliefert. Die Folge: die afrikanischen Hühnerzüchter, die stets nur ganze Hühner verkauften, gingen pleite. Geblieben ist die Abhängigkeit vom europäischen Hühnermarkt. Im Victoriasee wurden in Folge unserer Entwicklungshilfe Nilbarsche ausgesetzt, die schneller wachsen und große Erträge bringen. Die Folge: Victoriabarsche haben dort keine natürlichen Feinde und vernichteten die Vielfalt des Sees. Die Fische landen größtenteils in europäischen Restaurants. Die einheimische Kleinfischerei ist zusammengebrochen und den Familien der Kleinfischer wurde die Existenz entzogen. Oder Rohstoffförderung in der Mongolei: Die dortige Regierung nimmt große Umweltschäden in Kauf, vernichtet Ackerland und verfolgt Aktivisten, die sich dem Raubbau entgegenstellen. Solche Beispiele können beliebig fortgesetzt werden.

Tatsache ist, dass unser Lebensstil, unser Verbrauch an Ressourcen, nicht vom eigenen Land, nicht von den Staatsgebieten der entwickelten Länder befriedigt werden kann. Immer aggressiver befriedigen die Industrieländer ihre Bedürfnisse in den Staaten der Dritten Welt. Land Grabbing, Contract Farming, dazu Spekulationszwänge sind die Stichworte, die eine eigene, bevölkerungsbezogene, nachhaltige und soziale Entwicklung behindern oder unmöglich machen. Wenn es nicht gelingt, diese Marktradikalität zu beseitigen, werden sich diese Fehlentwicklungen nie ändern. Liegen hier vielleicht Ursachen für Fluchtbewegungen, müssen wir den Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ überdenken, müssen wir nicht unsere lieb gewordenen Standards, unsere Gewohnheiten überprüfen? Das heißt nicht die Lebenslust zu verlieren oder Asche aufs Haupt zu streuen, aber wir sollten auch nicht alles als gegeben und in Stein gemeißelt hinnehmen.

Werfen wir doch einen Blick in unser Naturfreunde Jahresprogramm:

  • Februar: Kreppelkaffee, Kreppel hoffentlich nicht in Palmöl gebacken. Seit die Autoindustrie Palmöl entdeckt hat, werden weltweit Urwälder gerodet um Plantagen zu errichten.
  • März: traditionelles Heringsessen, 32% der Meeresfische sind überfischt, also nicht nachhaltig, trotz der Reduzierung der Mindestfanggröße.
  • Mai: Schnippelparty mit Talley Hoban. Bis zu 20 Millionen Tonnen essbare Lebensmittel werden jährlich in Deutschland vernichtet, weil sie den Normen nicht entsprechen.
  • Herbst: biologischer Weinbau, Schutz der Böden vor Erosion und einseitiger Weinwirtschaft.
  • November: Gänseessen, was bleibt von artgerechter Tierhaltung trotz Grundgesetz?
  • Wir besuchen Müllheizkraftwerk und Kläranlage. Was noch vom Essen übrig blieb.

Liebe Naturfreunde, damit soll keineswegs die Freude an liebenswerten Traditionen verdorben werden. Aber schon an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass es immer eine Kehrseite gibt. Es reicht eben nicht aus, biologisch einzukaufen, oder gelegentlich ein Wildkräutersalätchen zu essen.

Arno Enzmann