Unsere Zeit braucht NaturFreunde

Ein Standpunkt von Michael Müller, Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschlands

Unser Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit oder es wird ein Jahrhundert entfesselter Gewalt und verschärfter Verteilungskämpfe.

In dieser Zeitbeschreibung sieht Günter Grass die Alternative, die sich in al­ler Schärfe stellen wird. Die Einschätzung des Literaturnobelpreisträgers macht klar, welche Be­deutung die NaturFreunde haben. Denn wir sind ein Verband für Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit darf kein Plastikwort sein, das beliebig interpretiert wird. Nachhaltigkeit bedeu­tet, Verantwortung übernehmen auch für künfti­ge Generationen. Kampf gegen die maßlose Gier nach schnellen Gewinnen. Menschen, die gestal­ten statt alles hinzunehmen. Unsere Geschichte ist von diesen Ideen, den Ideen der Freiheit, Ge­rechtigkeit und Solidarität, geprägt. Und wir wa­ren stets gegen Krieg und Gewalt, immer auf der Seite von Frieden und Demokratie. Vernunft, Auf­klärung und Fortschritt heißt "soziale Demokra­tie", besser noch "demokratischer Sozialismus". Wir haben uns stets abgegrenzt von der postli­beralen Anpassung an wirtschaftliche Zwänge und von einem autoritären Zentralismus. Gegen beide Irrwege setzen wir die Idee der sozialen Emanzipation, der Befreiung des Menschen aus Abhängigkeiten, Voraussetzung für eigene Frei­heit und Verantwortung für die Gesellschaft. Die zeitgemäße Umsetzung der sozialen Demokratie heißt Nachhaltigkeit.

Jede Zeit, so Willy Brandt, braucht neue Antworten, ohne erreichte soziale Errungenschaften und kulturelle Werte über Bord zu werfen. Heu­te verändert sich die Welt radikal. Der Klima­wandel schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Energie und Rohstoffe werden knapp und teuer, sogar Ressourcenkriege drohen. Und schließlich verschiebt sich die Architektur der Welt in Rich­tung Süden. Zugleich droht der Weltwirtschaft eine schwere Rezession, die von der amerika­nischen Immobilienkrise ausging, die Automo­bilbranche erfasst hat und massenhaft Kredit­karten überzeichnen ließ. Schon über 40 Prozent der Weltwirtschaft, die USA, Japan, Großbritan­nien, Spanien oder Irland, sind in einem Ab­wärtsstrudel. An den Börsen platzt erneut eine Blase des Marktradikalismus.

Von daher stellt sich eine doppelte Aufgabe: Zum einen muss Nachhaltigkeit zur Leitlinie der deutschen, europäischen und globalen Politik werden, um einen neuen Fortschritt möglich zu machen. Zum anderen ist mehr denn je interna­tionale Solidarität erforderlich, um die einseiti­ge Machtkonzentration zu brechen, die der Welt immer eine Grippe beschert, wenn Washington hustet.

Unsere Gesellschaft braucht die NaturFreun­de, weil wir uns für die Idee der Nachhaltigkeit einsetzen, sie vorleben und umsetzen. Feste Prinzipien haben. Für ein besseres Leben kämp­fen und glaubwürdig sind. Weil wir das auch so meinen, was wir sagen.
Wir können stolz darauf sein, die Idee der Nachhaltigkeit schon immer vertreten zu haben. Andere Verbände mögen, weil sie spektakulär, aber auch einseitig auftreten, mehr Erfolg gehabt haben. Doch in der Sache bieten wir mehr. Die­ses Zeichen muss unser Bundeskongress setzen, dann sind wir ein Verband mit Zukunft.

Quelle: Naturfreundin, Ausgabe 1-2008